Der unvergleichliche Pálinka

In kleinen Mengen eine Medizin, in größeren ein Allheilmittel – dieser Spruch über den Obstbrand (pálinka) ist eine Art ungarische Volksweisheit. Unsere Großväter haben den Tag gerne mit einem kleinen Glas guten Pálinkas begonnen; sie waren überzeugt davon, dass ihre Gesundheit auf die wohltuenden Wirkungen des Destillats zurückzuführen ist. Nun, wir sind uns da nicht ganz sicher. Aber um ehrlich zu sein, kommt es uns auch gar nicht so sehr darauf an – denn dafür schmeckt Pálinka schlicht und einfach viel zu gut!

Erstmals erwähnt wurden ungarische Spirituosen im 14. Jahrhundert. Damals war vom „Aqua vitae reginae Hungariae", dem „Wasser der ungarischen Königin" die Rede. Die Königin war die Frau des ungarischen Königs Karl I. Beim „Wasser" handelte es sich mutmaßlich um mit Rosmarin versetzten Weinbrand, der als Arzneimittel eingesetzt wurde – das royale Ehepaar litt an Arthritis. Also war der Schnaps weit entfernt vom „Party-Starter", als den wir ihn heute kennen und lieben. Übrigens: Das Wort „pálinka" stammt vom slowakischen Verb „pálit" ab, was so viel bedeutet wie „brennen" oder „destillieren". Ursprünglich bezeichnete man nur  Getreidebrände so, erst später wurde das Wort auch für Obstbrände verwendet. 

Ob Geburtstag, Hochzeit oder Beerdigung – zu all diesen Anlässen wird in Ungarn Pálinka gereicht. Entweder, um die Stimmung anzuheizen, oder um den Schmerz zu lindern. Pálinkás jó reggelt! Diese typisch ungarische Begrüßung bedeutet in etwa: „Ein guter Tag fängt mit einem Pálinka an!"

Heute dürfen nur Schnäpse die Bezeichnung „pálinka" tragen, die aus in Ungarn hergestellten Früchten gebrannt und in Ungarn abgefüllt wurden. Außerdem müssen sie mindestens 37,5 Volumenprozente Alkohol enthalten. Das lässt die Vielfalt aber keineswegs schrumpfen! Damit es beim Kauf im Geschäft keine Verwirrung gibt, schauen wir uns mal die gängigsten Sorten an, die zur Auswahl stehen.

Der Kisüsti, wörtlich übersetzt „kleiner Kessel", ist ein doppelt destillierter Schnaps. Hergestellt wird er in einem Kupferkessel, der nicht mehr als 1.000 Liter fasst. Der Érlelt (was „betagt" bedeutet) ist ein Obstbrand, der mindestens drei Monate in einem Holzfass gereift ist, in das etwas weniger als 1.000 Liter passen. Oder, zweite Möglichkeit, es ist ein Obstbrand, der mindestens sechs Monate in einem Holzfass gereift ist, das 1.000 Liter oder mehr fasst. Der Ó („alt") ist ein Pálinka, der entweder mindestens zwölf Monate lang in einem Holzfass gelagert wurde, das kleiner als 1.000 Liter ist, oder aber mindestens 24 Monate in einem Holzfass, das 1.000 Liter oder mehr fasst. Der Ágyas („Bettseite") hat einen dreimonatigen Reifeprozess durchlaufen, wobei er zusammen mit Obst gelagert wurde. Dieses kann – muss aber nicht – die gleiche Sorte sein, die zum Destillieren genutzt wurde. Der Törköly (Tresterbrand) ist eine der ältesten Pálinka-Sorten und wird aus vergorenem Traubentrester hergestellt. Er regt die Verdauung an und wird deshalb – wohldosiert – in der Regel nach Mahlzeiten getrunken.

Wenn Sie nur die Besten der Besten trinken wollen, halten Sie sich an die Erzeugnisse preisgekrönter Brennereien. Dazu gehören unter anderem die Pálinkas von Nobilis, Etyeki Czímeres, Agárdi, Tarpa, Kisrét und Zwack.

So viel zur Theorie, kommen wir nun zum praktischen Teil: wie man den ungarischen Schnaps richtig trinkt! Das Aroma entfaltet sich am besten, wenn der Schnaps etwas weniger als Zimmertemperatur hat, also sollten Sie die Flasche nicht direkt aus dem Kühlschrank holen. Die meisten trinken den Pálinka, wenn er um die zehn bis 15 Grad Celsius warm ist. Stimmt die Temperatur, heben Sie Ihr Glas hoch und rufen Sie „Isten, Isten". Wörtlich übersetzt heißt das „Gott, Gott". Jetzt haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder entscheiden Sie sich für den „Eckkneipen-Stil" und trinken das Glas „auf Ex", knallen es anschließend auf den Tisch und ziehen eine „Hach-ist-das-Leben-schwer"-Grimasse – dank des hohen Alkoholgehalts sollte das nicht allzu schwer fallen. Oder Sie geben ganz den Gourmet und genießen das volle Aroma, indem Sie den Schnaps im Mund hin- und herdrehen und unter die Zunge nehmen, sodass Ihre Geschmacksknospen das Getränk ganz und gar aufnehmen können.

Um ganz sicher zu gehen, dass Sie sich für den richtigen Pálinka entschieden haben, machen Sie den sogenannten Trockentest: Nachdem sie das erste Glas getrunken haben, warten Sie fünf bis zehn Minuten und riechen dann an einem anderen gefüllten Schnapsglas. Haben Sie wahren Pálinka genossen, werden Sie nur ein fruchtiges Aroma erschnuppern können. Egészségedre!