Die schrägen Vögel Mitteleuropas – Ungarns volkstümliche Bräuche

Ungarn ist besonders reich an Volkstraditionen und Bräuchen. Diese finden sich aber nicht nur im Museum hinter Glas – sie leben in vielen ungarischen Dörfern weiter, werden in der Gesellschaft gehegt und gepflegt und selbst Städter tun Dinge, die Sie vielleicht überraschen werden!

Ungarn ist sehr facettenreich, wenn es um ländliche Architektur, Handwerkskunst, Folkmusik und Tanz geht. Die schwarzen Töpferwaren aus Mohács, die opulenten Stickarbeiten aus Matyó und Kalocsa, die feine Spitze aus Halas – all diese Waren zeugen davon, wie eigen und individuell Einheimische ihr Handwerk interpretieren.
Wer einen umfassenden Einblick in das Leben, die Architektur und die Bräuche ungarischer Dorfgemeinschaften vor mehreren hundert Jahren gewinnen will, sollte eines der Freilichtmuseen besuchen, die über das ganze Land verteilt sind. Das repräsentativste unter ihnen ist vermutlich das Freilichtmuseum Skanzen in der Nähe von Szentendre, nur einen Steinwurf von Budapest entfernt (www.skanzen.hu). Verpassen Sie auch nicht das Dorfmuseum von Göcsej (tatsächlich Ungarns ältestes Dorfmuseum) mit seiner wunderschönen Wassermühle aus dem 19. Jahrhundert. Das Museumsdorf Sóstó ist auch ein Muss, denn es ist eines der abwechslungsreichsten Freilichtmuseen Ungarns. Hier lässt sich die Vielfalt volkstümlicher Bauweisen und Bräuche aus fünf ethnografischen Regionen bestaunen (Szatmár, Rétköz, Nyírség, Nyíri Mezőség und Bereg) – und das alles in einem „Dorf". Die Taverne wird sogar bewirtschaftet; Sie sind also herzlich eingeladen, hier einzukehren! Wer in der Zeit noch ein wenig weiter zurückreisen möchte, sollte Tiszaalpár ansteuern. Hier befindet sich ein wieder aufgebautes Dorf aus der Árpáden-Dynastie, die von 1000 bis 1301 herrschte. Man orientierte sich an archäologischen Funden und es wurden natürlich nur Baumaterialien jener Zeit verwendet.
Ein Stück lebendige Tradition wartet auf Sie im wunderschön erhaltenen Dorf Hollókő, das seit 1987 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Hollókő ist etwas Besonderes, weil es eben kein Freilichtmuseum ist. Es ist ein lebendiges Dorf mit Menschen, die ihren traditionellen Lebensstil pflegen. Unser Tipp: Besuchen Sie Hollókő im Frühjahr – die Osterfeierlichkeiten lassen den hübschen Ort ganz besonders zum Strahlen bringen! Natürlich gibt es aber auch noch andere Dörfer, in denen jahrhundertealte Traditionen gelebt werden. Die Töpferkunst, ein Hauptelement der volkstümlichen ungarischen Kultur, wird vor allem in den kleinen Ortschaften der Őrség- und Hortobágy-Region hochgehalten.
Es sind aber nicht nur die Gegenstände und die Gebäude aus der Vergangenheit, die uns definieren. Es ist die wunderbare Vielfalt der volkstümlichen Traditionen, die heute noch so lebendig sind wie früher! Beispiele gefällig? Da wäre zum einen „Busójárás": In der Karnevalszeit ziehen die Menschen mit Angst einflößenden Kostümen und Holzmasken durch die Straßen, um den Winter zu vertreiben (oder die Türken, wie es eine andere Interpretation will...).
An Ostern besprühen Jungen die Mädchen mit Parfüm und sagen dabei kurze, lustige Gedichte auf, die eigens für diesen Anlass geschrieben wurden. Die Tradition besagt, dass all jene Frauen sterben müssen, die nicht „nass gespritzt" wurden – und das können die Jungs ja nicht zulassen, oder? Die Parfüm-Variante ist übrigens eine abgemilderte Version des Brauchs: Früher wurden die Damen mit einem Eimer kaltem Wasser übergossen! Teil der Osterfeierlichkeiten (und ein Renner bei kleinen Kindern) ist das Bemalen von Ostereiern – schließlich muss man den jungen Burschen ja etwas für die Rettung vor dem Tode zurückgeben, nicht wahr? In einigen Regionen hat sich das Bemalen und Gestalten der Eier zu einer richtigen Kunstform entwickelt; mit lokalen Motiven und Mustern, die in die Eierschale geritzt oder um das Ei gestickt werden. So manches Osterei wird sogar mit winzigen Hufeisen dekoriert!
Ungarische Hochzeiten haben natürlich auch ihren eigenen Ablauf und ihre eigenen Traditionen. Besonders wichtig ist die Hochzeitsprozession, bei der in aller Regel die ganze Dorfgemeinschaft mitläuft. Der Tanz mit der Braut soll sicherstellen, dass dem jungen Paar der Start ins Eheleben auch finanziell glückt – wer die Braut zum Tanz auffordern möchte, muss dafür bezahlen. Das Zerschlagen von Gläsern soll böse Geister vertreiben, während beim gemeinsamen Aufkehren der Scherben Braut und Bräutigam schon einmal unter Beweis stellen können, wie gut sie sich bei der täglichen Arbeit ergänzen. Seien sie aber auch nicht überrascht, wenn die Braut entführt wird! Ihr frischgebackener Ehemann wird eine Reihe von Aufgaben erfüllen müssen, um sie wieder zurückzubekommen. Und bei keinem ungarischen Fest fließt mehr Pálinka als bei einer Hochzeit...

Tatsächlich steckt hinter jedem religiösen oder historischen Ereignis – ob dem jährlichen Einfahren der Ernte, dem 20. August (dem Geburtstag des ungarischen Staates) oder dem 15. März (dem Beginn der ungarischen Revolution) – ein Füllhorn an Traditionen und Bräuchen, die von einer Vielzahl an Festen, Festivals und Feierlichkeiten bis zum heutigen Tag lebendig gehalten werden.

Lassen Sie sie sich nicht entgehen und finden Sie mehr über diese schrägen Vögel, genannt Magyaren, heraus!